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Nur ein Märchen?
Er saß an seinem gewohnten Platz hinter einem Baum und
wartete. Irgendwann müsste sie kommen!
Viel behaarter war er, als andere. Nicht nur seine Brust,
sein Rücken, sondern auch seine Hände und ein großer Teil des Gesichts waren
so mit Haaren bedeckt, dass seine Haut kaum sichtbar unter der dichten
Haarschicht verschwand. Deshalb nannte man ihn nur den „Wolf“. Seines
Aussehens wegen war er schon in der Schule ausgeschieden worden. Und weil
keiner neben ihm sitzen wollte, hatte er sich in die Literatur vertieft.
Anonym schrieb er an verschiedenste Zeitungen, um seine Gedichte, Geschichten
und andere Texte zu veröffentlichen. Aber niemand, der sie las, wusste
eigentlich, wie er aussah.
Er liebte den Wald, studierte, las und schrieb hier.
Manchmal setzte sich ein kleines Vöglein auf seinen Fuß oder ein Reh kam, um
aus der kleinen Quelle zu trinken, in dessen unmittelbaren Nähe er zu sitzen
pflegte. Sonst war er Nachtwächter auf einem Fabrikgelände. Vielleicht hatte
man gedacht, dass er alle abschrecken würde, die versuchten, einzubrechen.
Schon Jahre lang hatte er in dieser idyllischen aber
einsamen Stelle gesessen, gelesen und geschrieben, als sie einmal an die
Quelle gekommen war, um zu trinken, wie ein Reh. Zuerst hatten sie sich gar
nicht bemerkt, er, weil er gedankenversunken schrieb und sie, weil sie des
kühlen Nasses bedurfte. So tief
erlebte er seine eigene Geschichte, dass er erst aufschaute, als sich ein
Schrei hören ließ. Sie wollte fortlaufen, als sie ihn erblickte, aber da er
sich nicht rührte, anscheinend kein Interesse an ihr nahm und einfach
weiterschrieb, blieb sie unentschlossen stehen. Er sah furchterregend aus,
doch seine Augen strahlten warm. Sie fühlte, dass die versteckte Quelle
mitten im Wald sein Platz war, er schon vor ihr dagewesen war, und nicht er
sie, sondern sie seine Ruhe gestört hatte. Sie räusperte sich ein bisschen,
als wollte sie um Erlaubnis bitten, vorsprechen zu dürfen. Endlich sah er wie
in Gedanken verloren auf. Sie fasste allen Mut zusammen und fragte: „Kann ich
bleiben?“ Er blickte sie an, sie war schön, sehr schön und ihre Augen waren
warm. In der Regel hatte er keinen Kontakt zu Frauen, weil sie vor ihm Angst
hatten. Er gab ihr zu verstehen, dass sie sich nähern könne.
Langsam, Schritt für Schritt legte sie die Entfernung
zwischen ihm und sich selbst zurück. Neben ihm war auf dem Baumstamm noch ein
bisschen Platz und jetzt sah sie und las, was er schrieb. Es ging um ein
Mädchen, das im Wald an einer Quelle einen wolfsähnlich behaarten Mann traf.
Die ganze Sache wurde ihr immer geheimnisvoller. Als er dann einmal aufsah,
um nachzudenken, sprach sie ihn an und er erzählte, was er schrieb oder schon
verfasst hatte. Mit großen Augen folgte sie seinen Worten. Lange hatte er
gesprochen und es war dunkel geworden. Er musste zu Arbeit gehen. Er stand
auf. Die ganze Zeit hatte sie nichts gesagt, nur zugehört, jetzt fragte sie,
ob er öfter hier sei. Er entgegnete mit einem Nicken und jeden Tag.
Drei Wochen war sie seither gekommen, einmal hatte sie
sogar auf ihn gewartet. Nun legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm.
Das war am Vortag passiert und jetzt wartete er, aber sie
kam nicht mehr. Vielleicht war sie einem anderen Wolf zum Opfer gefallen.
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Nur ein Märchen?
Sunday, 29 November 2015
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